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Weitere Osterworte „Richtet eure Augen nach oben und seht!“

14.04.2026

"Richtet eure Augen nach oben und seht, wer das alles geschaffen hat!" ... "Er gibt dem Müden neue Kraftund macht den Schwachen wieder stark. Junge Männer werden müde und matt, starke Krieger straucheln und fallen. Aber alle, die auf den Herrn hoffen,bekommen neue Kraft.Sie fliegen dahin wie Adler. Sie rennen und werden nicht matt, sie laufen und werden nicht müde."

"Richtet eure Augen nach oben und seht, wer das alles geschaffen hat!"

Dialogpredigt von Uwe Mäkinen, Krankenhausseelsorger am Universitätsklinikum Brandenburg und Anne Kapelle, Lektorin und aktives Gemeindeglied der Gotthardt- und Christuskirchengemeinde Brandenburg an der Havel. Für die Hörerschaft der Stadtkirchengemeinden Brandenburg waren die Worte am 1. Sonntag nach Ostern, dem Sonntag mit dem Namen QUASIMODOGENITI - wie die neugeborenen Kinder" bestimmt.

Die Bibelworte aus dem Buch des Jesaja im 40. Kapitel, 26-31 lenkten ihre Gedanken und ihre Auslegung. Lesen Sie selbst.

Uwe Mäkinen:
Ach, ich fühle mich müde und erschöpft. Erst vorgestern bin ich aus meinem Krankenbett gestiegen, dass ich bis dahin eine Woche hütete. Freitag vor einer Woche legte ich mich mit Halsschmerzen, Husten und wackeligen Beinen ins Bett.
Es war Karfreitag – mein Karfreitag.

Anne Kapelle:
War nicht so einfach, Dich so daniederliegen zu sehen. Es war gut zu wissen, dass Deine Erkältung auch wieder vorübergeht. Sie brauchte einfach nur ihre Zeit und Du brauchtest einfach nur ein bisschen Bettruhe und ganz viele Kannen Tee.

Uwe Mäkinen:
Ja, war auch alles halb so schlimm. Oder wie meine Großmutter oft sagte: „Bis zur Hochzeit ist alles wieder gut.“ – Das war jetzt aber kein Heiratsantrag hier vor versammelter Gemeinde!

 Anne Kapelle:
Das will ich auch hoffen. Aber ich verstehe Dich schon – in Bezug auf Deine Erkältung. Dir ging es halt nicht gut. Das darf auch so sein. Du darfst auch mal krank, müde, erschöpft oder verzweifelt sein. Du musst dein eigenes Schicksal nicht immer mit dem viel schlimmeren Schicksal anderer Menschen vergleichen. Du darfst auch mal über deinen kleinen Husten jammern.

Uwe Mäkinen:
Oder andere Menschen über Ihre Schmerzen im Knie, oder dass eine Online-Bestellung ewig in irgendeinem Verteilerzentrum herumliegt und einfach nicht ankommen will, oder die hohen Spritpreise. Menschen, die sich Sorgen machen um Geld, um die Familie, um die Zukunft.

Anne Kapelle:
Ja. Ich kenne auch das Gefühl, allein gelassen zu sein mit meinen Ängsten, Sorgen, Unsicherheiten. Oder Momente in denen ich mich furchtbar anstrenge und trotzdem nicht weiterkomme.
Wenn ich mich bei all dem Unrecht in der Welt frage, wo Gott da eigentlich ist. Wenn ich bete und nichts passiert. Wenn ich meinen Kopf hängenlasse, mich hängenlasse. 

Aber dass Du von Deinem Karfreitag sprichst, finde ich in Anbetracht Deines kleinen Hustens und Deiner Heiserkeit ein bisschen übertrieben.
Karfreitag ging es einem anderen um ein unzählig vielfaches schlechter – dem, der da am Kreuz hing und rief: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen“ und starb.

Uwe Mäkinen:
Ja, natürlich. Ich weiß. Und ich weiß auch um all die anderen Meschen auf dieser Welt, die nicht einfach so ein bisschen im Bett liegen können und dann ist alles wieder gut.
Diese anderen Menschen müssen ganz woanders liegen: nicht zu Hause oder in der Heimat im eigenen Bett, sondern in Krankenhäusern, unter Brücken, im Straßendreck, zwischen Kriegsruinen, in Gräbern oder nicht einmal dort. 

Anne Kapelle:
Manchmal habe ich schon das Gefühl – dass wir Menschen von Gott nicht mehr gesehen werden, von Gott allein gelassen sind, ja dass nicht nur wir ihn vergessen haben, sondern er uns vergessen hat.

Uwe Mäkinen:
So ging es Menschen immer wieder durch alle Zeiten hindurch, solange es Gottes Geschichte mit den Menschen gibt. So ging es auch den alten Israeliten vor 2500 Jahren. Jerusalem lag in Trümmern. Ein Großteil der Israeliten ist nach Babylon verschleppt worden. Die Erinnerung an das erlittene Unrecht, den Verlust der Heimat und der Menschen, die lieb und teuer waren, das Ausgeliefert sein an die neue Situation, alles das lässt die Tränen reichlich fließen und verzweifeln. In diese Situation hinein schreibt der Prophet Jesaja Hoffnung spendende Worte. In der Bibel stehen sie im 40. Kapitel.

Richtet eure Augen nach oben und seht,wer das alles geschaffen hat!Seht ihr dort das Heer der Sterne?Er lässt sie aufmarschieren in voller Zahl.Mit ihrem Namen ruft er sie alle herbei.Aus der Menge, vielfältig und stark,darf kein einziger fehlen.Wie kannst du da sagen, Jakob,wie kannst du behaupten, Israel:»Mein Weg ist dem Herrn verborgen!Mein Gott bemerkt nicht, dass ich Unrecht leide!«Hast du’s noch nicht begriffen?Hast du es nicht gehört?Der Herr ist Gott der ganzen Welt.Er hat die Erde geschaffenbis hin zu ihrem äußersten Rand.Er wird nicht müde und nicht matt.Keiner kann seine Gedanken erfassen.Er gibt dem Müden neue Kraftund macht den Schwachen wieder stark.Junge Männer werden müde und matt,starke Krieger straucheln und fallen.Aber alle, die auf den Herrn hoffen,bekommen neue Kraft.Sie fliegen dahin wie Adler.Sie rennen und werden nicht matt,sie laufen und werden nicht müde.

Die Bibel, Buch des Jesaja, Kapitel 40, 26 - 31

Foto: Fundus

Uwe Mäkinen:
„Richtet eure Augen nach oben und seht!“ schreibt Jesaja.

 Anne Kapelle:
Wer aufblickt, kann nicht zugleich in sich versunken sein. Den Blick nach oben richten. Das macht etwas mit dem ganzen Körper, mit der Körperhaltung. Ich stehe plötzlich aufrechter - aufrecht.

Uwe Mäkinen:
Meine Brust weitet sich. Ich kann freier atmen.

Anne Kapelle:
Vielleicht ist das Problem gar nicht, dass wir Menschen nicht gesehen werden, sondern dass wir nicht sehen. Dass viele von uns den Blick oft so schrecklich gesenkt halten. Nur auf ihre eigenen Füße schauen. Nur den grauen Boden vor sich sehen. Sich verzweifelt, matt und müde fühlen. Vielleicht sogar glaubensmüde.

Uwe Mäkinen:
Wir sind glaubensmüde geworden. Vielleicht glauben wir an Gott. Haben aber nicht das Gefühl, von ihm gesehen zu werden.

Ich hatte vor ein paar Wochen eine Begegnung mit einer älteren Patientin in der Klinik, der es ihr Leben lang gut ging. Sie wuchs in gesicherten Verhältnissen auf. Sie hat einen guten Mann und um die Kinder braucht sie sich auch keine Sorgen zu machen. Ihre Arbeit gefiel ihr und den Ruhestand genoss sie mit den Besuchen ihrer Enkelkinder und den Reisen mit ihrem Mann – bis sie schwer krank wurde. Jetzt, wo es ihr nicht mehr so gut geht – so erzählte sie – sei sie enttäuscht von Gott, und könne sich ihm nicht mehr zuwenden, nicht mehr beten. Sie fühle sich in ihrem Leiden nicht gehört und nicht gesehen.

Anne Kapelle:
Oder die Menschen sind glaubensmüde, da sie mit dem Glauben nichts mehr anfangen können. Wie viele Menschen kenne ich, die aus der Kirche ausgetreten sind.

Uwe Mäkinen:
So alt der Jesaja-Text auch ist, so zeitlos ist dieses Gefühl, dem er sich entgegenstellt und den Menschen, den verzweifelt glaubenden und den aus der Kirche ausgetretenen, sagt: Werdet nicht glaubensmüde. Richtet eure Augen nach oben und seht!

 Anne Kapelle:
Und was sollen wir da sehen?

Uwe Mäkinen:
Wir sollen vielleicht aus einer neuen Perspektive sehen. In all dem, was wir da oben und um uns herum sehen, Gott in seiner Güte und Kraft sehen. In den Sternen und der Welt um uns herum seine Schöpferkraft entdecken.

Seine Geduld und Ausdauer, die bis an den äußersten Rand und den letzten Winkel der Welt reichen.
Begreifen, dass ihm nichts verloren geht – Er alles im Blick behält, jede, jeden und alles bei Namen kennt – das große Ganze und das Allerkleinste.

Anne Kapelle:
Das – finde ich – ist ein schwacher Trost in all dem, was die Welt und wir Menschen in ihr erleiden. 

Uwe Mäkinen:
Nein, kein Trost. Nicht einfach nur ein Trostpflaster auf eine Wunde. Sondern Heilung der Wunden.
Heilwerden.
Eine tiefgreifende Veränderung.
Verwandlung der Verletzung, des Verletzten und des Verletzenden.
Den Müden neue Kraft und Stärke den Schwachen.
So verspricht es Jesaja.
Und das nicht nur im Blick auf die Zukunft, sondern schon jetzt.

 Anne Kapelle:
Das heißt, ich brauche nur den Blick zu heben?
Den Kopf nicht hängen zu lassen?
Zu glauben?
Zu hoffen?

Uwe Mäkinen:
Vielleicht nicht nur einfach glauben, hoffen oder harren. Vielleicht ist es noch mehr: ein alles von Gott erwarten, das Leben an Gottes manchmal noch so fern scheinendem Licht zu orientieren, ein beständiges Suchen im Gebet, eine Herzenshaltung, aus der auch gehandelt werden darf, die Geduld, das Vertrauen, sich gesehen zu wissen, ohne selbst zu wissen, ein beständiger innerer Kampf, Treue leben ohne Gegenleistung zu erwarten, ein sanftes Hoffen gegen alle Realität und Rationalität und noch viel mehr oder etwas ganz anderes.
Vielleicht hat es etwas von einem Segler in der Flaute, der, obwohl kein Windhauch weht, sein Segel hisst und in aufmerksamer Erwartung des Windes die Schot fest in der Hand hält.

Anne Kapelle:
Oder dem Wunder des Heilwerdens, wie einem scheuen Vogel die Hand hinhalten.
Und geduldig warten, bis der Vogel sich darauf niederlässt. Und wir dann selbst dahinfliegen wie Adler und rennen und nicht matt werden und laufen und nicht müde werden.

Und, sag mal, wie ging es mit dem Volk Israel weiter?

Uwe Mäkinen:
Im Exil im Festhalten am Glauben und im Vertrauen auf Gott – durch die Erfahrung großen Leides hindurch – überstand das Volk Israel viel und der Gegenstand seiner Hoffnung wurde schon vor ihrer Erfüllung ein Stück Realität – und tatsächlich kehrte das Volk Israel eines Tages zurück in seine Heimat.

Anne Kapelle:
Und wie erging es der Frau in der Klinik?

Uwe Mäkinen:
Sie bat mich, für sie zu beten. Ich habe es getan, und sie hob ihren Blick.

Der EKMB bedankt sich für die Erlaubnis der Veröffentlichung.