Von Uta Stiller
„Luxus, das war Luxus!“ Da waren sich zwei Frauen einig, als wir bei Kaffee und Kuchen vor der Riewender Dorfkirche über den Herbst sprachen. Über Ernte, über Dankbarkeit. Zwischen abgeernteten Weizenfeldern, der Mais steht noch hoch, Äpfel am Wegrand, Trauben, Kürbisse. Und eben Nüsse.
Luxus, das war, wenn die Walnüsse vom Baum kommen. Man kann sie sofort knacken, aber anders als Äpfel und Tomaten kann man mit ihnen einen Vorrat für viele Monate anlegen. Sie machen uns satt, auch wenn draußen Frühling wird – diese eigentlich wunderbare Zeit, die aber auch eine Zeit des Hungers sein konnte. Die Vorräte des Winters sind aufgegessen, und bis wieder etwas geerntet werden kann, dauert es noch. Gut, wenn man dann noch Nüsse hat. Und Luxus: „Das war, wenn wir mit unseren Kinderfingern die braune Haut abpulen konnten, so lange die Nüsse noch ganz frisch sind“, sagte die eine Frau. „Ja“, sagte die andere Frau, „dann war die Nuss weiß und süß!“
Was ernten wir, was wärmt das Herz, was ist Luxus. Wie haben wir die Felder unseres Lebens bestellt – macht die Ernte wirklich satt? Aus einem kleinen Anfang ist vielleicht etwas Großes, Schönes geworden. Eine Freundschaft. Manchmal ist es auch so, dass wir etwas hegen und pflegen und unser Herz daran hängen, aber es will nicht gedeihen. Die Ernte bleibt aus. Und manchmal sind da Ernte-Nüsse – Vorrat für länger.
Ich hatte gerade zwei Luxus-Ernte-Momente. Oder eigentlich drei. Einen fürs Herz, einen für die Seele, und einen fürs Nachdenken.
Für die Seele, das war auf diesem Weg mit dem Rad zur Dorfkirche Riewend. Da kam ich auf einem alten DDR-Betonplattenweg hinter dem Domstiftgut Mötzow vorbei. Und da stehen ein paar uralte Bäume, so alt, dass die zerklüfteten Stämme sich wieder zur Erde neigen. Aber aus ihrem gebeugten Rücken, zwischen den Furchen der runzligen Rinde, wachsen neue junge Äste, kerzengerade hoch Richtung Himmel. „Ja!“, sagte meine Seele.
Fürs Herz, das war, als ich am nächsten Tag in einem unserer Seniorenwohnheime von diesen Bäumen erzählte. An diesem Tag saßen zwei Schülerpraktikanten zwischen den alten Männern und Frauen. Ob sie sich wohl langweilen, dachte ich bei mir. Einer von ihnen stand dann zum Schluss noch da, und er fragte, ob er mal in die Kirche kommen kann. Das sei cool gewesen. Ja!
Zum Nachdenken, das war in dieser Dorfkirche. Vor 300 Jahren hat da ein Künstler Figuren geschnitzt. Die vier Männer, die in der Bibel von Jesus berichtet haben. Jeder von ihnen hat traditionell ein Zeichen bei sich – Markus einen Löwen, Lukas einen Stier, Johannes einen Adler und Matthäus einen Menschen. Seit fast 2000 Jahren gibt es Bilder davon in allen Kirchen dieser Welt. Aber hier, in Riewend, da hat der Künstler entschieden, den Menschen auf besondere Weise darzustellen: Als Kind.
Vielleicht, weil Kinder die allermeiste Zukunft haben, hoffentlich. Vielleicht, weil ich nach jeder Ernte meines Lebens – gut oder enttäuschend – neu anfangen muss, und darf. Wie ein Kind eben.