Für diejenigen, die Kirche gestalten und leiten und ihr – sei es hauptamtlich oder im Ehrenamt – Zeit und Kraft widmen, sind diese Zahlen bedrückend. Sie führen immer wieder zu kritischer Selbstreflexion: Was sind die Gründe für die Abkehr von der Kirche?
Die Osterbotschaft – zeitlose Hoffnungsquelle
Gerade jetzt, wenn wir mit Karfreitag und Ostern die wichtigsten Feste des Christentums feiern, stellt sich diese Frage mit neuer Dringlichkeit: Warum erreicht die Botschaft vom gekreuzigten und auferstandenen Christus weniger Menschen? Wir erinnern an das Leiden und Sterben Jesu und feiern seine Auferstehung – das Leben ist stärker als der Tod, das Licht siegt über die Finsternis. Diese Hoffnung kann Halt geben – gerade in Zeiten von Einsamkeit, Unsicherheit und wachsenden gesellschaftlichen Spannungen.
Gesellschaftlicher Wandel und Vertrauensverlust
16.000 Menschen sind im vergangenen Jahr aus der EKBO ausgetreten. Die Gründe dafür sind vielfältig und lassen sich nicht auf einen Faktor reduzieren. Individualisierung und die zunehmende Distanz zu Institutionen spielen eine Rolle, ebenso wie der Traditionsabbruch: Religiöse Prägungen werden in vielen Familien nicht mehr weitergegeben. Zahlreiche Menschen verstehen sich nicht mehr als gläubig, andere treten aus, um die Kirchensteuer zu sparen. Auch Skandale und der Umgang damit haben das Vertrauen erschüttert – besonders die Auseinandersetzung mit sexualisierter Gewalt führt zu Zweifeln an der Glaubwürdigkeit der Kirchen.
Diese Entwicklung ist zum einen Teil langfristiger gesellschaftlicher Veränderungen – und zugleich Ausdruck eigener Fehler und Versäumnisse. Kirche hat die Aufgabe, das Evangelium zu bezeugen und einen Rahmen zu schaffen, in dem der christliche Glaube miteinander gelebt werden kann – in Sorge und Verantwortung füreinander. Zugleich ist die christliche Botschaft größer als jede konkrete Form von Institution.
Kirche im Aufbruch – Chancen erkennen und Zukunft gestalten
Im Laufe der Jahrhunderte hat sich Kirche immer wieder gewandelt und auf neue gesellschaftliche Situationen reagiert. Auch die gegenwärtige Entwicklung bewirkt einen tiefgreifenden Veränderungsprozess. Die sinkenden Mitgliederzahlen sind ein kraftvoller Anstoß, Vertrautes zu überprüfen und bewusst Neues zu gestalten.
Weniger Mitglieder bedeuten weniger Kirchensteuern. Strukturen müssen verändert, Ressourcen neu verteilt werden, manche Gebäude können nicht erhalten werden. Doch gerade diese Herausforderungen sind auch eine Chance, zu lassen, was Menschen nicht mehr erreicht, und Neues auszuprobieren. Viele Engagierte in der EKBO nutzen diesen Raum bereits – mit sozialen Angeboten, neuen Gottesdienstformaten, digitalen Angeboten und neuen Formen von Seelsorge. Entscheidend wird es sein, Zugang zu Menschen zu gewinnen, die nicht kirchlich sozialisiert sind.
Im Wenigerwerden, so schmerzhaft es ist, steckt das Potenzial, sich auf das Wesentliche zu besinnen. Das ist bei aller Trauer über die Menschen, die sich von der Kirche abwenden, auch ein Grund für Hoffnung.