„Durst“ ist an diesem Abend das Thema. Und vielleicht gibt es keinen besseren Ort, um darüber zu sprechen, als eine Kneipe.
Pfarrerin Simone Lippmann-Marsch steht zwischen Zapfhahn und Gästen und erzählt von einer Frau, die vor rund 2.000 Jahren mit einem Krug zu einem Brunnen geht. Auch sie hat Durst. Aber eigentlich sucht sie etwas anderes. Nähe. Beziehung. Zugehörigkeit. Sie kommt mit einer Sehnsucht, die sich nicht einfach aus einem Krug trinken lässt. Mit diesem Gefühl, dass etwas fehlt. Dass da ein Loch ist, das immer wieder gefüllt werden möchte.
Was greifen wir, wenn wir leer geworden sind?
Die Frage steht plötzlich mitten im Raum. Zwischen Bierflaschen und Zapfhahn. Zwischen Schlagermusik und Gesprächen. Und sie ist unangenehm vertraut. Noch ’ne Runde.
Man kennt das. Noch ein Bier. Noch ein Glas. Noch ein Versuch. Noch einmal dasselbe Gespräch. Noch einmal zurück in den gewohnten Trott. Obwohl man längst weiß, dass es so nicht weitergeht. Noch ’ne Runde.
Es ist ein Satz, der nach Feierabend klingt. Nach Geselligkeit. Nach „Ach komm, eins geht noch“. Aber an diesem Abend bekommt er einen zweiten Klang. Denn manchmal drehen Menschen nicht nur in der Kneipe ihre Runden. Auch im Leben.
Man wiederholt Dinge, die einem längst nicht mehr guttun. Bleibt in Beziehungen, Gewohnheiten oder Ängsten hängen. Folgt inneren Regeln, die irgendwann einmal sinnvoll waren und längst nicht mehr passen. Und trotzdem ist Veränderung schwierig. Denn was kommt danach?
Die Geschichte von der Frau am Brunnen erzählt genau davon. Jesus begegnet ihr. Ein fremder Mann einer fremden Frau. Jude und Samaritanerin – Menschen, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben wollen. Zwischen ihren Gruppen liegen alte Konflikte. Und dann reden sie. Über Wasser. Über Männer. Über Religion. Über das Leben. Jesus spricht vom „lebendigen Wasser“. Und während sie miteinander sprechen, scheint in der Frau etwas lebendig zu werden. Die Jünger, Jesu Gefolgsleute kommen zurück und wundern sich. Die Frau aber geht. Sie lässt ihren Wasserkrug stehen. Ausgerechnet den Krug, wegen dem sie gekommen ist.
Eigentlich wollten beide Wasser. Doch keiner trinkt einen Schluck. Hat die Frau gefunden, wonach sie eigentlich gesucht hatte: nicht im Wasser, sondern in der Begegnung?
Denn wer kennt das nicht? Man wünscht sich Veränderung – aber bitte ohne allzu viel. Man möchte, dass es anders wird, aber das Bekannte soll doch bitte bleiben. Die Angst vor dem Unbekannten ist manchmal größer als der Wunsch nach dem Neuen. Und so geht es an diesem Abend nicht nur um Durst. Es geht um die Frage, wonach wir eigentlich durstig sind. Was fehlt? Was schleppen wir mit uns herum? Und was würden wir gern zurücklassen?
Die Antwort muss niemand laut sagen. Auf Bierdeckeln können die Besucherinnen und Besucher ihre Bitten notieren. Dinge, die sie beschäftigen. Sorgen. Wünsche. Sehnsüchte. Das, was in ihrem persönlichen Krug liegt und das sie mit zum Brunnen bringen. Die Bierdeckel werden zu kleinen Gebeten.
Draußen ist es inzwischen dunkel geworden. Drinnen wird weiter geredet, gelacht und getrunken. Noch ne Runde...
Der Kneipengottesdienst findet einmal im Jahr statt. Seine Mischung aus lockerer Atmosphäre, Musik, Bier und großen Lebensfragen hat längst ihre Fans gefunden. Und vielleicht ist genau das die Idee dieses Abends: Kirche muss nicht immer dort stattfinden, wo man sie erwartet. Manchmal steht sie zwischen Zapfhahn und Bierglas und fragt ganz einfach:
Was ist in meinem Krug – und was wäre, wenn ich ihn einmal stehen lasse?
Simone Lippmann-Marsch, Pfarrerin zwischen Zauche und Nieplitz, ist bekannt für ungewöhnliche kirchliche Formate, die nah an der Lebenswelt der Menschen sind. Sie liebt Punk, Tattoos und Make-up und lebt mit ihrer Familie, ihrer Katze und ihrem Hund in Treuenbrietzen.