Predigt über Acta 6, 1-7 am 13. Sonntag nach Trinitatis, 30. August 2026, im Brandenburger Dom Predigtreihe zur Jahreslosung, „Siehe, ich mache alles neu!“
(Apk 21, 5)
Liebe Brüder und Schwestern,
Als die Zahl der Jünger in Jerusalem zunahm, erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebräischen, weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung.
In diesem einen Satz steckt einiges an Sprengstoff drin:
Die Zahl der Jünger nimmt zu, d.h., die Kirche wächst. Sehr schön, sehr erfreulich, das hätten wir auch gern. Aber wer jemals erlebt hat, wie das ist, wenn plötzlich größere Anzahlen von Mitgliedern neu in einen Verein eintreten, oder eine Partei plötzlich massiv neue Mitglieder bekommt, oder neue Leute plötzlich die Mehrheit im Gemeindekirchenrat bilden, der kennt auch die Schwierigkeiten. Wie bewahrt man die Identität bei gleichzeitiger Offenheit? Wie stellt man sicher, dass alle sich einbringen können, ohne dass die, die sich seit Jahrzehnten engagieren, sich verdrängt fühlen? Wie balanciert man das aus? Das ist nicht so leicht. Und anders als wir, die das auf verschiedenen Feldern zumindest schonmal beobachten konnten, wenn nicht sogar es selbst erlebt haben, stehen diese ersten Christen komplett neu vor dieser Herausforderung. Sie erleben das zum ersten Mal, denn die Kirche ist jung. Für sie ist alles das erste Mal.
Griechische Juden – hebräische Juden. Gemeint sind natürlich Judenchristen, also Menschen, die aus dem Judentum zum Christentum übergetreten sind. (Paulus ist noch nicht aktiv, Heidenmission gibt es noch nicht so wirklich.) Da haben wir kulturelle Differenz, Sprachbarrieren, wechselseitige Gefühle der Benachteiligung. Die einen fühlen sich überfremdet, weil plötzlich so viele hier Griechisch sprechen, obwohl wir doch in Jerusalem sind. Die anderen fühlen sich benachteiligt, weil sie arm sind, auf Unterstützung angewiesen, und sich übersehen fühlen Vielleicht sogar tatsächlich übersehen werden; das kann ja sein. Dass das mit diesen beiden Gruppierungen schwierig ist, das verstehen wir direkt.
Witwen. Es geht um Witwen, also die mit Abstand schwächste soziale Gruppierung der damaligen Gesellschaft. Es geht hier um echte Not, echte Bedürftigkeit. Die Notwendigkeit, sich um diese Witwen zu kümmern, ist real; es muss eine Lösung gefunden werden, und zwar zügig.
Der Druck ist also hoch.
Und diese ersten Christen stellen sich dem Druck, und wie sie das tun, ist schlichtweg großartig.
Zunächst mal ist wichtig zu sehen, was sie nicht tun:
1.: Leugnen. „Kann doch gar nicht sein; natürlich geht es bei uns gerecht zu; bei uns wird niemand übersehen; es gibt doch gar kein Problem…“ Genau das sagen sie nicht.
2.: Was sie auch nicht tun: Abwerten. „Was wollen die denn, wenn es denen hier nicht passt, dann sollen sie doch zurück nach Hause gehen, wo kommen wir denn da hin?“ Machen sie auch nicht.
3.: Und was sie auch nicht tun: Wunsch und Wirklichkeit verwechseln. „Was soll denn diese Unterscheidung, griechisch oder hebräisch, bei uns gibt es das gar nicht, wir sind doch alle Geschwister, Herkunft ist bei uns überhaupt kein Kriterium, das darf es doch unter Christen gar nicht geben…“ Machen sie auch nicht.
Schon dass diese jungen Christen diese drei Irrwege vermeiden, verdient große Anerkennung.
Was sie tun: Sie schauen erstmal ehrlich hin. Und ganz offenbar versuchen die Apostel selbst sogar, irgendwie Essen für die Witwen ranzuschaffen, aber sie merken schnell, dass sie dann gar nicht mehr zu ihren eigentlichen Aufgaben kommen. Also finden sie eine Lösung.
Die Lösung lautet: Die Aufgabe delegieren, und zwar kultursensibel. Die sieben Diakone – diakonein bedeutet ja im ursprünglichen Wortsinne, „zu Tische dienen“, also Menschen etwas zu essen servieren - diese sieben Diakone tragen alle griechische Namen. Man erkennt also an, dass es die kulturelle und sprachliche Differenz gibt, und man sorgt dafür, dass die richtigen Leute sich um die betroffenen Witwen kümmern. Zugleich bekommt diese kulturelle Differenz aber keinen besonderen Stellenwert. Man muss sie berücksichtigen – aber auch nicht mehr. Sprache und Herkunft werden berücksichtigt. Sie werden nicht zu einer theologischen Kategorie gemacht. Schon gar nicht werden sie zu einem Grund, die junge Kirche zu spalten. Es bleibt dabei, dass alle Christen gemeinsam Geschwister sind. Es bleibt dabei, dass alle gemeinsam eine Kirche sind. Die Diakone empfangen denselben Heiligen Geist wie die Apostel. Alle gehören zusammen, und alle bleiben zusammen. Und innerhalb dieser Einheit gibt es die erforderlichen Rücksichtnahmen.
Ich halte das für geradezu genial. Und ich glaube, wir sollten davon lernen. Zunächst mal im Blick auf uns als Kirche.
Ich weiß natürlich nicht, wie das hier in ihrer Gemeinde ist. Aber ich beobachte in der evangelischen Kirche generell eine Tendenz, die Pluralität unserer Gesellschaft als eine zwingende kirchlich-theologische Kategorie zu verstehen. Klar ist unsere Gesellschaft sehr, sehr plural. Das ist unstrittig. Es gibt Millionen Deutsche, die benutzen Wörter wie Alter und Digga und safe – da bin ich persönlich raus, muss ich zugeben. Und umgekehrt gibt es sicher viele, die meinen Enthusiasmus für die Musik Johann Sebastian Bachs nicht wirklich teilen können. Das ist alles ok – wir haben auch in der Kirche eine sehr, sehr große Bandbreite. Aber ich mache mir Sorgen, weil ich den Eindruck habe, dass unsere evangelische Kirche diese Verschiedenheiten wichtiger nimmt, als sie sind. Dass diese Verschiedenheiten nicht mehr nur berücksichtigt werden, sondern zu Spaltungen führen. Beim letzten Kirchentag in Hannover ist mir das aufgefallen. Lauter Spezialgottesdienste für lauter Spezialgruppen. So, als wäre es den Angehörigen der Gruppe X nicht zumutbar, Gottesdienst zu feiern mit Angehörigen der Gruppe Y. So, als wäre das, was sie voneinander unterscheidet, wichtiger als der, der sie verbindet: Jesus Christus. Und in manchen Gemeinden gibt’s das auch: Gottesdienste gestaffelt nach Altersgruppen, Berufszugehörigkeiten und Familienstand; oder musikalisch sortiert nach Gospel, Modern Gospel, Hillsong, deutscher Worship oder klassisch Gesangbuch und Orgel. Abendmahl mit Brot oder mit Hostien, mit Wein oder mit Traubensaft, mit Einzel- oder Gemeinschaftskelch, ganz nach Wunsch. Und natürlich verstehe ich, dass man Rücksicht nehmen möchte auf die Bedürfnisse von Gemeindegliedern. Ich sehe den wirklich guten Willen, der hinter all dem steht. Aber das Ergebnis ist eine Art Büffet zur Selbstbedienung. Und sich selbst an einem Büffet zu bedienen ist etwas anderes als ein gemeinsames Festmahl.
Von den Problemlösern der Apostelgeschichte können wir etwas lernen: Bei aller Verschiedenheit gehören wir zusammen. Bei allem, was uns unterscheidet, haben wir einen und denselben Herrn. Und ich ergänze: Das, was uns verbindet, ist nicht einfach eine zufällige Schnittmenge, weil wir vielleicht zur selben Generation gehören und die gleichen Kinofilme mögen. Das, was uns verbindet, ist ein Drittes, vielmehr, der Dritte: Jesus Christus. Jesus Christus ist unsere gemeinsame Bezugsperson. Die Taufe ist unsere gemeinsame Basis. Natürlich spricht eine neunzehnjährige Christin aus Südkorea mit Christus anders als eine neunzigjährige Christin aus Brandenburg. Und wenn die beiden miteinander sprechen wollen, benötigen sie vermutlich einen Dolmetscher. Aber beide reden mit demselben Herrn. Beten zu dem einen Gott. Aus verschiedenen Weltgegenden nimmt ihr Herz Kurs auf dasselbe Ziel.
Ich glaube, das sollten wir wieder verstärkt im Blick haben. Und alles, was wir tun, sollten wir so tun, dass die Menschen merken: Hier geht es um Christus. Hier geht es um Begegnung mit Gott. Mit dem, auf den wir alle unser Herz ausrichten, egal von woher.
Es geht uns aber natürlich nicht nur um die Kirche. Das Thema, das Ihre Predigtreihe heute stellt, lautet ja: „Grenzen überwinden, Grenzen schützen – wie organisieren wir die Weltgemeinschaft neu?“ Auch für diese Frage sind unsere Lesungen von heute fruchtbar.
Schauen wir dafür mal ganz kurz auf das heutige Evangelium. Das ist ja ein bisschen schockierend. Jesus bekommt gesagt: Draußen steht deine Mutter. Und er sagt: Wer ist meine Mutter?
Wäre Jesus 15 oder 16, hätte man das als alterstypische Flegelhaftigkeit gedeutet. Aber er ist kein Teenager mehr, und er sagt das sehr bewusst. In einer Gesellschaft, in der die Familie, das Vaterhaus, die Sippe, der Stamm, das Volk die maßgeblichen Kategorien sind; in einer Gesellschaft, in der die Zugehörigkeit zu Gott gleichbedeutend ist mit der Identität als Volk; in dieser Gesellschaft sagt Jesus: Wer den Willen meines Vaters im Himmel tut, der ist mir Mutter und Schwester und Bruder. Mit anderen Worten: Es gibt noch andere Kategorien als die Frage: Mit wem bist du verwandt? In welches Volk, aus welchem Volk wurdest du geboren?
Dieses Verwandtschaftsding, das für die Menschen zur Zeit Jesu die Gültigkeit der Schwerkraft hat, absolut und nicht zu diskutieren, das wird hier von ihm in Frage gestellt. Bzw., es wird relativiert. Den Willen Gottes zu tun, das wird wichtiger als die Frage, wer sind deine Eltern?
Das hat, wenn wir genau hinsehen, eine friedensethische Dimension. Da leuchtet die Möglichkeit von Weltgemeinschaft auf.
Wir Menschen haben schon evolutionär bedingt eine natürliche Tendenz zum Ihr und Wir, zum die Anderen und die Unseren. Und wenn sich Konflikte anbahnen, dann werden die Anderen schnell abgewertet, und die Unseren sind grundsätzlich schöner und besser und im Recht. Wenn wir Jesus folgen, dann dürfen wir uns davon frei machen. Bei ihm können wir lernen, anders zu denken und andere Schwerpunkte zu setzen.
In vieler Hinsicht tun wir das ja längst. Jeder Mensch, der im Urlaub ins Ausland fährt und sich dort einer anderen Kultur aussetzt, erlebt – hoffentlich – wie bereichernd das sein kann. Wie wunderbar poetisch eine andere Sprache klingen kann, welche fremden Gewürze dort ins Essen kommen, wie der Tee schmeckt oder das Brot, und wie man miteinander umgeht. Die Tourismusindustrie setzt damit weltweit Milliarden um, mit dieser freundlichen Begegnung mit dem Anderen.
Der Ton liegt hier auf freundlich. Denn natürlich gibt es auch die Feindseligkeit in der Begegnung mit dem Anderen. Die Angst vor den Fremden, die Bedrohung, die gegenseitige Abwertung, den Kampf um knappe Ressourcen. Am Ende: Den Krieg. Den haben wir gerade an allen Ecken und Enden. Aber zum Leitbild des Gerechten Friedens, an dem wir uns als evangelische Kirche orientieren, gehört eben auch das: Ein friedensfördernder Umgang mit Pluralität.
Wir müssen zugeben: Den sehen wir aktuell gerade nicht so wirklich. Weltgemeinschaft erleben wir im Moment nur schwer oder gar nicht. Wir Menschen erleben uns selbst gerade nicht als Gemeinschaft, sondern als ein scharfes Gegeneinander von ethnischen, religiösen, nationalen, politischen Identitäten und Interessen.
Was wir aus der Apostelgeschichte lernen können: Leugnen ist zwecklos. So zu tun, als existierten kulturelle Differenzen oder Interessengegensätze nicht, ist Mumpitz. Worum es geht ist, Wege zu finden, sie zu berücksichtigen und sie zugleich zu relativieren. Sie anzuerkennen und zugleich zu sagen: Was uns verbindet ist größer.
In der Kirche ist das Jesus Christus; da hatten wir eben schon.
Für die Weltgemeinschaft gilt das so natürlich nicht. Religion ist hier – leider! – kein Einigungsfaktor, sondern eher das Gegenteil. Das Dritte, was uns alle verbindet, muss also etwas anderes sein. Ich sehe das sehr elementar: Diese Erde. Dieselbe Luft. Dieselbe Sonne. Derselbe Mond. Wir alle sind Kinder dieses Planeten, und zumindest darin sind wir alle gleich.
Wenn es möglich wird, in den Anderen, in den zweifellos ganz Verschiedenen, unsere Geschwister als Kinder dieser Erde zu sehen, dann wäre ein erster Schritt getan. Dann könnten wir Weltgemeinschaft zumindest wieder erahnen. Dann könnten wir Interessen verstehen, Unterschiede anerkennen, Kulturen berücksichtigen und sogar bereichernd finden, aber uns auch ehrlich auseinandersetzen. Weil die Basis ist: Wir sind alle Geschwister.
Das ist eine große Hoffnung. Aktuell spricht nicht viel dafür. Aber vielleicht können wir als Kirche zumindest etwas aufleuchten lassen davon, wie es ist, wenn die vielen Verschiedenen eine gemeinsame Basis und eine gemeinsame Mitte haben. Einen gemeinsamen Herrn. Einen Gott, dem unsere Herzen gehören. Amen.