von Susanne Graap | Pfarrerin am Dom
Heute ist es vier Jahre her, dass der Angriff auf die Ukraine begann. Viele haben es nicht für möglich gehalten.
Auch ich erinnere mich noch gut an diesen 24. Februar– meine Tochter hat an diesem Tag Geburtstag. Die Nachricht vom Ausbruch des Krieges – legte sich wie ein dunkler Schatten über diesen 24. Februar 2022. Angst vor dem, was kommen würde, war damals in der kleinen Geburtstagsrunde zu spüren.
Vier Jahre Krieg. Vier Jahre Zerstörung. Vier Jahre Flucht, Angst, Abschied und Hoffen wider alle Hoffnung. Was am Anfang viele nicht für möglich hielten, ist zum bitteren Alltag geworden.
Sirenen statt Schulglocken. Keller statt Kinderzimmer. Abschiede an Bahnhöfen. Namen von Städten, die wir früher kaum kannten, haben sich eingebrannt in unser Gedächtnis.
Vier Jahre – und kein Mensch gewöhnt sich wirklich daran. Kein Herz sollte sich daran gewöhnen.
Wir denken an die Menschen in der Ukraine – an die, die ausharren, an die, die kämpfen,
an die, die trauern, an die, die fliehen mussten und hier bei uns Schutz gesucht haben.
Wir denken auch an die Mütter auf beiden Seiten der Front. An die Kinder, deren Welt zerbrochen ist. An die, die Entscheidungen treffen über Leben und Tod.
Da stehen wir, in der Stille dieses Mittags, mit unserer Ohnmacht.
Was können wir tun? Wir können erinnern. Wir können uns weigern, uns abzufinden.
Wir können beten.
Wir können Gott beim Wort nehmen, der seinen Frieden verheißen hat – einen Frieden,
nicht wie die Welt ihn gibt.
Vier Jahre Krieg – und wir halten dagegen: mit unserem Gebet, mit unserer Hoffnung,
mit unserem Glauben daran, dass Schwerter zu Pflugscharen werden können.
„Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen
und ihre Spieße zu Sicheln.
Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben,
und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.“
Was für ein Wort.
Was für ein Trotz gegen die Wirklichkeit.
Denn die Wirklichkeit sagt:
Man lernt wieder Krieg zu führen.
Man investiert in Waffen.
Man spricht von Abschreckung und Verteidigung.
Man zählt Panzer, Raketen, Drohnen.
Und Gott?
Gott malt ein anderes Bild vor unsere Augen.
Nicht naiv.
Nicht weltfremd.
Sondern verheißungsvoll.
Schwerter werden umgeschmiedet.
Nicht vernichtet – verwandelt.
Aus dem, was tötet, wird etwas, das Leben ermöglicht. Aus Metall, das Wunden schlägt,
wird Werkzeug für Brot.
Vier Jahre Krieg. Und wir stehen zwischen den Bildern: zwischen der Welt, wie sie ist,
und der Welt, wie Gott sie verheißt.
Der vierte Jahrestag ist ein Mahnzeichen. Er erinnert mich daran, dass Frieden nicht selbstverständlich ist. Dass Frieden Arbeit ist. Dass Frieden Gebet ist.
Dass Frieden Verwandlung braucht.
Ich glaube, dass Umschmieden beginnt nicht in den Werkhallen der Mächtigen, sondern in den Herzen von uns Menschen. Wo Hass in Geduld verwandelt wird. Wo Rache in Trauer verwandelt wird. Wo Angst in Vertrauen verwandelt wird.
Und vielleicht ist das der erste Ort, an dem Schwerter zu Pflugscharen werden:
In mir.
In dir.
In uns.
Nicht zuerst die anderen sollen sich ändern. Nicht zuerst die Welt.
Sondern wir bitten darum, dass Gott uns verwandelt.
Dass er aus unseren Worten Werkzeuge des Trostes macht.
Aus unseren Händen Zeichen der Hilfe.
Aus unseren Herzen Räume des Friedens.
Darum beten wir nicht nur um Frieden.
Wir bitten darum, selbst zu Werkzeugen dieses Friedens zu werden.
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