Anna, seit 2017 lebst du mit deiner Familie in Werder. Nun bist du erstmalig mit vier weiteren Ehrenamtlichen als Älteste für den Leitungskreis unserer Kirchengemeinde gewählt. Was hat dich dazu bewogen? Als wir hergezogen sind, waren meine Kinder noch sehr klein. Da blieb wenig Zeit für ein Ehrenamt. Jetzt spüre ich, dass ich langsam mehr Luft dafür habe und auf der Suche bin, wie ich mich gesellschaftlich einbringen kann. Ich glaube, dass wir unsere eigene Wirksamkeit am ehesten in unserem direkten Umfeld spüren. Bin ich nämlich vor Ort tätig, empfinde ich mich weniger einem Ohn- machtsgefühl ausgesetzt, das sich schnell einstellen kann, sehe ich mich mit den ganz großen Fragen konfron- tiert. Auch wenn ich zum Beispiel keine Antwort darauf geben kann, was wir der zunehmenden gesellschaftlichen Spaltung entgegensetzen können, möchte ich gern im Gemeindekirchenrat daran arbeiten, dass Menschen unterschiedlichen Alters, Herkunft oder Bildungsstan- dard sich willkommen fühlen und sich begegnen können. So kann ich vielleicht dazu beitragen, dass manche Kluft zwischen uns Mitbürger*innen ein bisschen kleiner wird. Außerdem habe ich mich der Kirche immer verbunden gefühlt und ziehe viel Kraft aus meinem Glauben. Darum fühlt sich ein Engagement in der Gemeinde für mich jetzt passend an.
Im Gemeindekirchenrat berätst du mit den anderen Ältesten über Leben, Glauben und Entwickeln der Gemeinde. Darüber hinaus wirkst du im Gemeindeausschuss mit. In unseren Ausschüssen arbeiten Menschen mit ihren Interessen an ausgewählten Gebieten intensiv mit. In welchen Bereichen möchtest du hier insbesondere wirken?
Anknüpfend an das vorherige Beispiel finde ich die Arbeit rund um Fragen des Gemeinde(zusammen)lebens sehr spannend und möchte mich dort einbringen.
Was machst du im beruflichen Leben?
Ich bin wissenschaftliche Mitarbeiterin für Außen- und Entwicklungspolitik bei einer Bundestagsabgeordneten.
Siehst du in deinem beruflichen Alltag Parallelen zum Leben unsere Gemeinde?
In beiden Fällen geht es aus meiner Sicht um ein Aushandeln, wie Gesellschaft, bzw. Gemeinde funktionieren soll. Ein Gemeindekirchenrat ist im Grunde wie andere Parlamente ein Ort, an dem Demokratie erfahrbar wird. Und wie in anderen Parlamenten delegieren die meisten von uns Gemeindemitgliedern Aufgaben an gewählte Vertreterinnen und schenken ihnen das Vertrauen, in den nächsten Jahren die richtigen Entscheidungen zum Wohl unserer Gemeinde, also zum Wohl uns aller zu treffen. Das finde ich sehr nachvollziehbar. Nicht jeder hat die Zeit, Kraft oder das Interesse sich in Gremien einzubringen.
Du hast großes Vertrauen darin, Entscheidungen abzugeben. Dennoch bist du bereit, dich neben deinem Familien- und Berufsleben zu engagieren.
Selbst aktiv zu sein, bedeutet für mich zwar mehr Arbeit auszuführen, allerdings vergrößert sich dadurch auch meine Gestaltungskraft. Ich kann Wirkung entfalten und Selbstwirksamkeit erfahren. Das muss übrigens nicht nur im Gemeindekirchenrat sein, jede Form von Ehrenamt kann diese Erfahrung bringen.
Als Abiturientin warst du für ein Jahr im Ökumenischen Freiwilligenprogramm des Berliner Missionswerkes in Tansania im Ein- satz für eine Schule in einem Dorf namens Itamba. Du bist damals in einer zunächst fremden Kultur auf andere Lebensweisen und eine durchaus andere ev. Kirche gesto- ßen. Welche Sichtweisen hast du womöglich für dich als entscheidend beibehalten?
Dieses Jahr war in vielerlei Hinsicht sehr prägend für mich. Ich habe das Eintauchen in die fremde Kultur durchgehend als Bereicherung wahrgenommen. Die Erfahrung, mit Entbehrungen (ohne flie- ßend Wasser, ohne Internet, ohne regelmäßigem Strom, ohne Schokolade oder dem Überangebot des Supermarkts) auszukommen empfand ich als sehr wertvoll und hat mich viele Dinge, die wir als alternativlos wahrnehmen, in eine neue Perspektive rücken lassen. Der Umgang mit Zeit, das Fehlen von Leistungsdruck oder durch die Werbeindustrie permanent vermittelte Körperbilder, hat mich Gewissheiten hinterfragen lassen. Leider ist man doch ein Kind seiner Zeit und Gesellschaft. Ich wünschte, ich hätte mir diese Dinge so bewahren können, wie ich sie in dem Jahr dort gelebt habe. Nur konnte ich das dann nicht so mit dem hiesigen Alltag vereinbaren. Mir bleibt die Erkenntnis, dass es oft auch anders geht als ich mir eigentlich vorstelle und dass ich diesen Möglichkeiten gegenüber offenbleiben sollte.
„Mtaka yote kwa pupa hukosa yote“ lautet ein beliebtes Sprichwort in Tansania. Es meint etwa „Wer alles auf einmal haben will, verpasst alles.“ Mich erinnert das an aktuelle Herausforderungen unserer Kirchengemeinden. Was hilft uns deiner Auffassung nach dabei, unsere Ziele schrittweise und mit Geduld anzustreben?
Oh, da bin ich wohl eine schlechte Beraterin. Meistens will ich auch zu viel zu schnell. Wie gesagt konnte ich den tansanischen Lebensstil kaum auf meinen Alltag übertragen, wie es mir vermutlich gutgetan hätte. Hier kann ich als Ge- meindekirchenratsmitglied wohl noch viel von den Älteren lernen, die schon lange dabei sind und wissen, dass manche Entscheidungen Zeit brauchen, um sie ausführlich zu diskutieren und Prozesse sind, die wir nicht abkürzen können. Schließlich wollen wir bei diesen – besonders den großen Veränderungen – die ganze Gemeinde hinter uns wissen.
Welche Bibelstelle begleitet dich?
Es gibt viele schöne Stellen in der Bibel und ich würde sie gern etwas geordneter sammeln, das kommt aber meistens zu kurz. Ich mag besonders den Taufspruch unserer ältesten Tochter: „Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele.“ Mt 16,26. Ich bin selbst sehr ambitioniert und finde ich die Stelle gut, um immer wieder zu hinterfragen, was ich eigentlich erreichen möchte und welchen Preis das kosten könnte. Auch die Jahreslosung finde ich interessant: „Siehe, ich mache alles neu.“ Allerdings bin ich mir unsicher, ob ich das in der heutigen Weltlage als Versprechen oder Drohung verstehen soll. Aber die Optimistin in mir tendiert zum Versprechen!
Kannst du dich an eine besonders schöne oder auch schwierige Zeit auf deinem Weg erinnern und was hat das für dich bedeutet?
Ich weiß sehr zu schätzen, dass ich von schwierigen Zeiten weitestgehend ver schont geblieben bin oder sie zumindest nicht als solche wahrgenommen habe. Eine besonders schöne Zeit für mich war mein Jahr in Tansania. Selten habe ich mich mit mir selbst so sehr im Reinen gefühlt wie in diesem Freiwilligenjahr. Das lässt mich viel hinterfragen, was wir in unserer Gesellschaft als „Errungen- schaft“ ansehen und ob wir dafür nicht – ganz im Sinne des Bibelverses – einen sehr hohen Preis zahlen. Und Kinder zu haben, gehört zu meinem schönsten (und auch nicht immer leichten) Erfahrungen. Jeder Perspektivwechsel, ob der Wechsel in ein anderes Land oder der von der Tochter- in die Mutterrolle verstehe ich als Bereicherung, weil er zulässt, dass ich neue Dinge entdecke und Bekanntes in einem anderen Licht sehe.
Du lebst mit deiner Familie in Werder. Was sagt deine Familie zu deiner ehrenamtlichen Aufgabe?
Ohne meinen Mann wäre mein Engagement nicht möglich und ich bin ihm dankbar, dass er seine Unterstützung nie infrage gestellt hat. Natürlich bedeutet das, dass ich im Familienleben weniger präsent sein werde. Ich hoffe, dass ich es trotzdem schaffe, allen gerecht zu werden, meine Aufgabe gut zu erfüllen und trotzdem weiter für meine Familie verfügbar zu sein.
Wo schlägt dein Herz?
Im Ausland. Ich habe viele Jahre in verschiedenen Ländern gelebt und höre das Fernweh rufen. Gerade ist das in unserer Lebensplanung keine akute Frage, aber ich spüre es in mir nagen und kann mir vorstellen, dass wir in einigen Jahren, zumindest zeitweilig, noch einmal woanders hingehen werden.
Die Zukunft unserer Kirche ist zunehmend davon geprägt Prioritäten zu setzen. Was glaubst du, worauf es heute ankommt?
Darauf habe ich zwei Antworten, eine im Großen und eine im Kleinen. Ich glaube, dass die Menschen auf der Suche nach Zugehörigkeit sind in einer Zeit zunehmender Individualisierung und Kirche hat sehr viel diesbezüglich anzubieten. Es kommt aus meiner Sicht darauf an, eine Antwort auf die Frage zu finden, wie wir es schaffen, als Ort der Zugehörigkeit auch bei kirchenfernen Menschen wahrgenommen zu werden. Im Kleinen kommt es vermutlich darauf an, sich damit zufrieden zu geben, dass wir keine sehr großen Sprünge machen können, weder finanziell noch personell. Wir können darauf zielen, viele kleine Veränderungen zu beschließen, die uns als Kirchengemeinde dann voranbringen.
Welche Kirche oder welches Gottesdiensterlebnis hat dich einmal nachhaltig beeindruckt?
In meiner Jugend war ich Teil eines Jugendprojekts, in dem Jugendliche aus Amerika, Südafrika und Deutschland gemeinsam einen Spielplatz gebaut haben. Abends hatten wir immer eine gemeinsame Andacht und haben zusammen gesungen, in der Petrikirche in Lübeck. Die Kirche und diese Andachten haben mich nachhaltig beeindruckt, weil ich mich so verbunden mit allen anderen gefühlt habe.
Welcher ist dein Lieblingsort?
Irgendwo draußen in der Natur. Was wünschst du dir für deine Zeit als Mitglied im Gemeindekirchenrat? Und für die Gemeinde? Für mich wünsche ich mir, dass ich merke: Es macht einen positiven Unterschied, dass ich dabei bin. Und gern auch, dass ich ein konkretes Projekt finde, das mir am Herzen liegt und das ich in der Umsetzung begleiten kann, so wie für manche das Toilettenhäuschen Gestalt annimmt. Und für die Gemeinde wünsche ich mir, dass sie sich lebendig fühlt und sich Jede*r als Teil der Gemeinschaft wiederfinden kann und wir gemeinsam die Gemeinde voranbringen. Ganz wie in dem Kirchenlied „Wenn viele kleine Leute an vielen kleinen Orten viele kleinen Dinge tun, können sie das Gesicht der Welt verändern.“
Asante sana! Vielen Dank für dieses Gespräch!
(Aus dem Gemeindebrief "Brieftaube". Danke für die Erlaubnis der Veröffentlichung)